Über den Zusammenhang von Sprache und Reviewergebnissen in der deutschen Wirtschaftsinformatik(forschung)

November 19, 2008 um 10:03 am | Veröffentlicht in diverses, Forschung, Konferenzen | Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe gestern nachmittag kurz Zeit gefunden zusammen mit unserer studentischen Hilfskraft Stefan alle 139 angenommenen Einreichungen der WI 2009 auf einen einzigen Sachverhalt auszuwerten: Die Wahl der Sprache des Beitrags und die Korrelation mit der „beurteilten Qualität“.

Zum Hintergrund: Die alle zwei Jahre veranstaltete Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik ist die größte Fachtagung für Wirtschaftsinformatik im europäischen Raum. Effektiv nehmen an der Konferenz aber fast ausschließlich Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Auf Forscher anderer europäischer Länder trifft man z.B. auf der (englischsprachigen) europäischen Konferenz ECIS.


[Eines vorweg: Dass es eine tolle Sache ist sich dank der „Weltsprache“ englisch auf einer internationalen Tagung mit Menschen aus vielen Ländern austauschen zu können, steht außer Frage, und ist nicht Thema dieses Posts. Mir geht es im Folgenden um einzig um die Tatsache, dass man sich auf einer rein deutschen Konferenz immer mehr englische Beiträge findet.]

Daten:
Ausgewertet haben wir alle angenommenen 139 Beiträge (hier verfügbar). Davon sind 19 für den „Best Paper“ (besten Beitrag) nominiert.

Ergebnisse:
Die Ergebnisse der Auswertung sind mehr als deutlich.
Von 139 angenommenen Beiträgen sind 58 auf englisch verfasst. (= 42%)
Und jetzt: Von 19 für den „Best Paper“ normierten Beiträgen sind 14 auf englisch verfasst. (= 74%)!!
Oder nochmal anders formuliert: Von den deutschen Beiträgen (81) wurden 6% (5) für den „Best Paper“ normiert, von den englischen Beiträgen (58) 24% (14)!

Conclusio:
Aus den Ergebnissen kann man je nach Betrachtungsweise zweierlei Erkenntnisse gewinnen:
Entweder: Eine in der englischen Sprache verfasste Einreichung ist i.d.R. von höherer Qualität.
Oder: Eine in der englischen Sprache verfasste Einreichung wird i.d.R. besser gereviewt.

Oder wie ich glaube: Beides. Ein paar Gedanken dazu:

Es mag tatsächlich so sein, dass jemand, der von seiner Forschung überzeugt ist, sich auch gleich die Mühe macht, den Beitrag zu übersetzen. Vielleicht, weil er mit dem Gedanken spielt den Beitrag später auch noch in einem englischsprachigen Journal zu veröffentlichen. Oder, weil Mitglieder der Forschungsgruppe nicht dt.-sprachig sind. Oder, weil er glaubt Forscher anderer Länder würden sich in den Proceedings der WI umsehen (was ich nicht für ausgeschlossen halte). Und jemand der von der Qualität seiner Arbeit überzeugt ist, ist dies ja vielleicht auch zu Recht.

Gleichzeitig glaube ich aber, dass von zwei (bis auf die Sprache) gleichen Beiträgen von einem dt. Reviewer zu 90% der englisch-sprachige Beitrag bevorzugt wird. Warum? Weil 90% der Reviewer eben nicht 3 Jahre in Boston verbracht haben und nicht die Nuancen in einem engl. Beitrag unterscheiden können, wohl aber in einem deutschen Beitrag? Oder weil man sich als Reviewer leichter von einem englischen Beitrag beeindrucken lässt?
Stimmt diese Hypothese, bedeutet dies, dass man auf einer deutschsprachigen Konferenz (denn das ist die WI, weil es niemanden auf der Konferenz gibt, der einen dt. Beitrag nicht versteht) dazu verleitet ist, nur noch englisch zu publizieren.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich finde es völlig legitim auf einer dt. Konferenz einen engl. Beitrag einzureichen. Aber ich sehe es als Problem, dass man mit einem dt. Beitrag auf einer dt. Konferenz potentiell schlechter bewertet wird.

Ich persönlich fände es schade, wenn nur noch auf englisch publiziert wird.
1. Egal, ob man schreibt oder liest: In einer Fremdsprache (auch in der Forschung) gehen immer Nuancen und damit Inhalte verloren.
2. Muttersprachliche Paper lesen geht einfach viel schneller und einfacher. Leider kenne ich keine Untersuchung dazu, aber ich würde die Wette halten, dass bis zu 30% der Produktivität verloren gehen, wenn man sich künftig mit tausenden anderen deutschen Forschern nur noch auf englisch austauschen kann.
3. Ich bin mir 100% sicher, dass es einige (egal ob Forscher oder Studenten) gibt, denen damit eine zusätzliche (Motivations)Hürde in den Weg gelegt wird.
4. Ich mag die deutsche Sprache. 😉

Vielleicht liege ich auch komplett daneben? Freue mich über kritische Kommentare.

P.S.: Unser (deutscher) Beitrag wurde zwar angenommen (*jubel*) und nicht als Best Paper nominiert, aber das war nicht der Grund für die Untersuchung. 😉

P.P.S.: Ich vermute es wurden insgesamt über 600 Beiträge eingereicht (von denen 139 angenommen wurden). Wie die Quote engl./dt. bei allen Einreichungen war, wäre natürlich auch sehr spannend gewesen, ist aber nicht verfügbar.

Politische Woche zum Thema Überwachungsstaat

November 15, 2008 um 7:35 pm | Veröffentlicht in diverses | 2 Kommentare

Die letzten 2,3 Wochen wurde ja in dt. Blogs (und v.a. bei Twitter) eigentlich überwiegend ein Thema diskutiert: Die Wahlen in den USA.
Kaum ist Obama gewählt, wendet man sich in der dt. Blogosphäre wieder der eigenen Politik zu. Und da wird es ja auch nicht langweilig. Ganz im Gegenteil.
Der Versuch die aktuellen Entwicklungen der letzten Tage zu sammeln:
Zum einen war da die Wohnungsdurchsuchung bei einem freien Journalisten, weil er eine Anleitung zum Bombenbauen ins www gestellt hatte. Robert Basic hat diese gleich mal genutzt hat, um eine Grundsatzdiskussion über Politikbloggen in Deutschland anzuzetteln. Den Erkenntnisgewinn fand ich jetzt nicht soo riesig, aber ein paar „learnings“ zu Bloggen und Politik waren für mich auf jeden Fall dabei.

Dann war da so ein „linker“ (i.S.v. Politiker „der Linken“) Spaßvogel namens Lutz Heilmann, der es allen ernstes geschafft hat, dass wikipedia.de nicht mehr auf de.wikipedia.org weiterleiten darf.
Grund: Der Artikel enthielte Unwahrheiten. So kann man die Unwahrheiten natürlich auch einer möglichst großen Menge an Leuten bekannt machen. Super auch: Das hier.
[Update: Bei der SZ hat man es leider wieder mal gar nicht verstanden: „Denn der schleswig-holsteinische Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann von der Linkspartei hat beim Landgericht Lübeck erwirkt, dass der Betrieb von wikipedia.de vorerst eingestellt werden muss.“ Falsch, falsch, falsch.
Warum schreiben da eigentlich immer Leute, die www für die Abkürzung von worldwide wildlife halten.]

Und schließlich gab es da ja noch am Mittwoch die Abstimmung zum BKA-Gesetz. Zu diesem wie auch den meisten anderen politischen Themen lohnt sich ein Blick auf den Blog Netzpolitik. Wollte ich eh lange schon mal schreiben: Was die Jungs von Netzpolitik, allen voran Markus, leisten, um Politik transparent zu machen ist wirklich großartig. Ich darf in diesem Zusammenhang an die Lobbyarbeit von Markus & Co. in Brüssel zum Thema Telekompaket erinnern.

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