Web 2.0 in deutschen Unternehmen – @ IBM-Analysten-Dinner

Juli 12, 2007 um 3:13 pm | Veröffentlicht in Enterprise 2.0, social networking, Web 2.0 | 12 Kommentare

Mir wurde gestern die Freude zu teil (als Vertretung) an einem von der IBM veranstalteten Analysten-Dinner (im kleinen Kreis) teilzunehmen, zu dem der Präsident der IBM SoftwareGroup Sebastian Krause eingeladen hatte (und auch anwesend war, was imho zeigt, dass die IBM das Thema ernst nimmt). War absolut spannend. Nachdem es ein langer Abend mit viel Inhalt war, versuche ich eher stichpunktartig zusammenzutragen, was mir wichtig erscheint:

– Peter Schütt (IBM) meinte z.B., dass es ihn beunruhigt, wie wenig die deutschen Unternehmenvon den (durch Web 2.0 etc.) gebotenen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit Gebrauch machen. Er sieht dadurch auch den Standort Deutschland gefährdet bzw. in jedem Fall hinterherhinken.

– Schnell wurde auch einer der Haupt-Gründe dafür gefunden: die Organisationskultur (die auch später noch mehrmals angesprochen wurde). Nicole Dufft (Berlecon Research) berichtete, dass aus Ihrer Erfahrung die Einführung von Enterprise 2.0 oft mit folgendem Vorwand abgelehnt wurde: „Erst muss sich die Kultur ändern“.
Es waren sich (früher oder später, mehr oder weniger) alle einig, dass sich eine Kultur nicht mal eben ändern lässt und dass Social Software auch dazu beitragen kann, dass sich die Kultur ändert, dies braucht nur Zeit. Dem hat auch Beate Werlin (IBM Communications) zugestimmt und hinzugefügt: Es ist notwendig den Leuten zu vermitteln welche Vorteile Social Software einem Unternehmen bringen kann. Jeder der Social Software erst einmal eingesetzt hat, wird auch seinen Kollegen begeistert davon erzählen und diese mit seiner Begeisterung anstecken. Klingt doch vernünftig, oder?

– Natürlich wurde auch viel über die beiden IBM-Suiten Lotus Connections (für unternehmensweite Kollaboration) und Lotus Quickr (für Teams) gesprochen. Ersteres hat die IBM vor gerade mal 2 Wochen (offensichtlich selbst für die anwesenden Analysten) überraschend schnell an den deutschen Markt gebracht. Und jeder der Anwesenden sprach der IBM damit auch eine Vorreiterrolle in Sachen Enterprise 2.0 zu.

– Neben einigen „Ideen“ die mir schon bekannt waren, fand ich interessant wie die IBM das Web 2.0 aufteilt:
1. das Web 2.0 im privaten, öffentlichen Bereich,
2. das Web 2.0 im öffentlichen Bereich von Unternehmen (oft über die Communications-Abteilungen gesteuert)
3. und das Web 2.0 im sicheren, organisationsinternen Bereich

– Ab diesem Punkt wurde dann auch kontrovers diskutiert. Herr Schütt meinte z.B., dass man den Mitarbeitern erklären müsste wie und über was man (im internen Web 2.0) bloggt. Dies ist aus meiner Erfahrung nicht so. Ja mehr Freiheiten man den Mitarbeitern hier lässt desto genialere Arten der Zusammenarbeit können sich je nach UN-Kultur entwickeln. Warum soll man die Leute nicht so bloggen lassen, wie sie es auch extern tun. Umso mehr man hier die Mitarbeiter einschränkt, umso weniger von diesen werden auch (aus Angst was falsch zu machen) bloggen und umso mehr Potential geht verloren. Auch noch 1-2 andere Male waren mir die Aussagen der erfahrenen Experten am Tisch zu Top-Down. Ich in meinem jugendlichen Leichtsinn plädiere für wesentlich mehr Bottom-Up (und da bekam ich netterweise auch Rückendeckung). Das hat zwar auch schon bei meinem Enterprise 2.0-Vortrag an der TU München Prof. Matthes nicht gefallen und vielleicht liege ich da einfach falsch. Aber vielleicht auch nicht.😉 Es gibt einfach zu wenige Erfahrungen als dass man schon etwas sagen könnte. Oft kommt es ja auch auf den Kontext an.

– Ausführlich gesprochen haben wir auch über unified communications etc.. Bereits vor 3 Wochen beim Besuch im IBM-Entwicklungslabor in Böblingen hat mich die Art der Mitarbeiter sich über Sametime (also über chats) auszutauschen beeindruckt. In keinem dt. Unternehmen wird annähernd so effizient (und offen) kommuniziert wie bei der IBM. Ich kenne auch keine Unternehmens-Beratung, die da mithalten könnte. Ich glaube, dass -auch wenn die IBM schon seit 1998 chattet- das ein Thema ist, das noch brauchen wird bis es bei den dt. UN angekommen ist. „Die Mitarbeiter sollen schliesslich arbeiten und nicht chatten“.

Hoffentlich geht es mit anderen Arten von Social Software (und nicht nur mit PR-Blogs) schneller. Sonst schliesse ich mich mit meiner Prognose Peter Schütt an. Was hilft es uns wenn wir eine innovative Kanzlerin haben die podcastet, wenn die ganzen Geschäftsführer (gesetzteren Alters) in den KMU weiter nach der Methode vorgehen: „Das haben wir schon immer so gemacht. Das sollen die Jungen in 20 Jahren dann halt mal ändern“. Die sind es nicht, die es ausbaden müssen.

12 Kommentare »

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

  1. […] Alex Richter berichtet im NeubibergBlog über einen Abend bei der IBM. Diskussion über Web 2.0 in deutschen Unternehmen: […]

  2. Sehr interessanter Bericht, Danke für die Einblicke.

    Das Verhältnis von top-down und bottom-up bei der Umsetzung und Implementierung wird in der Tat immer wieder heiß diskutiert. Ich sehe es dabei wie Sie, auch wenn für mich nicht mehr die Entschuldigung „jugendlicher Leichtsinn“ gilt.

    Gerade bei Social Software ist eine gewisse Freiheit und Adaptivität der Entwicklung, aber auch der Nutzung, eine Voraussetzung für die Nachhaltigkeit, Innovativität und Effektivität der Lösungen. Die häufig anzutreffende ablehnende bzw. sehr kritische Haltung gegenüber bottom-up Prozessen ist dabei aus meiner Sicht u.a. das Resultat von verschiedenen Ängsten, die zum Teil unbegründet sind (u.a. Ängste aus Unwissenheit, Fehlinfomationen, Vorurteilen), zum Teil aber auch „Hand und Fuß haben“ (bspw. lässt sich schon ein gewisser Kontrollverlust bzw. eine geänderte Rolle von FK beobachten, nicht jede(r) geht souverän damit um bzw. kann seine Rolle neu interpretieren).

    Gleichzeitig ist top-down Unterstützung und Rückhalt extrem wichtig, nicht zuletzt um (politische) Hindernisse bei der Implementierung zu überwinden – ideal wäre es immer wenn sowohl top-down als auch bottom-up abgestimmt agiert würde (und wenn das Middle Management eine übersetzende, kommunizierende Rolle einnehmen würde). Diese ideale Welt ist leider nicht die Regel, umso wichtiger wird es aber sein Unternehmensleitungen und Middle Management für die Vorteile von Social Software zu interessieren und „ins Boot zu holen“.

    Vielleicht ist ja auch die Vermutung, dass GF von KMU eher innovationsfeindliche Bewahrer des Status Quo sind, mehr ein Vorurteil denn eine empirisch abgesicherte Aussage – ich persönlich habe eigentlich eher gegenteilige und positive Erfahrungen gemacht …

  3. […] Richter schreibt im Neubiberg-Blog über eine IBM Veranstaltung zum Thema Web 2.0 im Unternehmen, einige interessante Stellen: […]

  4. Hallo Herr Koser,

    danke für Ihren Kommentar und Ihre Einschätzung.
    Ich stimme Ihnen in fast allem zu, würde nur bei zwei Punkten nochmal einhaken:

    >Gleichzeitig ist top-down Unterstützung und Rückhalt extrem wichtig

    Definitiv, ist das Commitment durch die Unternehmensleitung sehr wichtig. Aber ich würde das eher nicht Top-Down nennen. Top-Down hat für mich immer etwas von „von oben auf-oktroyieren“. Besser wäre doch:“Ihr habt unsere Unterstützung, aber wir geben Euch keine Vorgaben.“ Kann man natürlich jetzt auch Wortglauberei nennen.😉

    >Vielleicht ist ja auch die Vermutung, dass GF von KMU eher innovationsfeindliche Bewahrer des Status Quo sind, mehr ein Vorurteil

    Hier darf ich noch ergänzen, dass dies auch die Erfahrung der Anwesenden am Mittwoch war. Und ich will ja hier auch nicht den dt. Mittelstand schlecht machen. (Schon aus persönlichen Gründen…). Ich glaube nur, dass man als Berater auch deswegen viele gute Erfahrungen macht, weil die Kunden die zu einem kommen ja in der Regel schon den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht haben.
    Also: Aufgeschlossenheit und „bereits Kunde einer Beratung“ korrelieren bei KMUs, imho.

  5. Stimmt beides, und ist auch keine Wortklauberei von Ihnen, nur wird halt wieder deutlich, dass Begrifflichkeiten leicht missverstanden werden können.

    Der eine sieht dann in „top-down“ klassisches C&C (Command & Control) während der andere unterstützendes Leadership sieht …

    Aber da können wir beide nichts dafür, dass sind die Nachteile von solchen Abk. … die ja quasi als ZIP-Files für ganze Konzepte herhalten müssen😉

    Ich kann Ihnen aber versichern, dass wir beide thematisch und von den Zielen her
    1. im gleichen Boot sitzen
    2. und in die gleiche Richtung wollen

    Jetzt ist aber Schluss mit Metaphern etc., schönes Wochenende!

  6. […] Ideen und Instrumente des Web 2.0 in den Kontext (herkömmlicher) Unternehmen. Aktuell berichtet Alexander Richter (NeubibergBlog) über eine Veranstaltung der IBM (im kleinen Kreise), auf der das Thema […]

  7. Erstmal herzliche Dank für diesen spannenden Bericht, auf den ich über den Beitrag von Martin Koser aufmerksam geworden bin. Das Thema Akzeptanz von Web 2.0 in Unternehmen verfolgt mich auch schon einige Zeit. Beim Lesen der Diskussion sind mir (wieder einmal) drei Gedanken durch den Kopf gegangen:

    1. Das Thema mit der Kultur, die sich erst ändern muss bevor man etwas Neues angehen kann, ist doch ein bekanntes Killerargument. Die Kultur eines Unternehmens kann man nur längerfristig ändern, und dann haben wir schon Web x.0. Die Changezyklen „Unternehmenskultur“ und „Technologie“ bekommt man so nicht synchronisiert. Aber: die Nutzung bestimmter Technologien verändert massiv die Kultur.

    2. Die Diskussion um „Bottom-Up-Ansätze“ erschreckt Entscheidungsträger in Unternehmen eher. Aber: ich habe eigentlich noch nie einen CEO getroffen, der nicht wollte, dass seine Mitarbeiter mitdenken, mitentscheiden und Mitverantwortung übernehmen. Oder sich sogar als „Mit-Unternehmer“ verhalten. Und dazu hat man mit Web 2.0 doch eine Menge neue Chancen. Wer kennt nicht den (diskussionswürdigen) Spruch „Unser grösstes Kapital sind unsere Mitarbeiter“?

    3. Da ich mich auch nicht mehr ganz auf jugendlichen Leichtsinn berufen kann will ich noch einen Vergleich mit der Einführung (und Akzeptanz) von E-Mail in den Unternehmen ziehen. Ja, das war einmal ein ernsthaftes Thema in vielen Unternehmen😉 Viele Führungskräfte standen auf dem Standpunkt, dass E-Mail nur was für ihre Sekretariate ist. Und warum sind dann heute viele Führungskräfte auch ohne Einschaltung ihrer Sekretariate erreichbar? Nun, zum einen gab es überzeugte CEOs, die einfach konsequent dieses Werkzeug genutzt haben. Und die Direct Reports, die sich auf ihre Sekratariaet verlassen haben, waren dann schnell aus dem Informationsfluss draussen. Und quasi als Seiteneffekt hat man dann gemerkt, dass die asynchrone Kommunikation eine Menge an Vorteile bietet.

    Meine persönlichen Schlussfolgerungen:

    – Sich nicht lange bei metaphysischen Betrachtungen über die Kultur aufhalten.
    – Deutlich machen, dass man jetzt mit Web 2.0 Technologien in der Hand hat, auf die wir schon lange gewartet haben um die Mitarbeiter „einzubeziehen“ bzw. ihnen eine echte Chance zur Partizipation zu geben.
    – Führungskräfte überzeugen, den Umgang mit diesen Technologien einfach vorzuleben. Ein Weblog ist hört sich für diese Personengruppe kompliziert an. Wenn man aber erzählt, dass man für einen Weblogbeitrag nicht mehr Kenntnisse braucht als für das Schreiben einer E-Mail ist man in der Diskussion drin.

    Ein letzte Bermerkung (quasi ein Disclaimer) muss noch sein: Man wird nicht jedes Unternehmen in Deutschland mit Web 2.0 retten können!

  8. Hallo Herr Niemeier. Danke für Ihren ausführlichen Beitrag. Ich stimme Ihren persönlichen Schlussfolgerungen 1:1 zu.
    Beim letzten Punkt ist mir noch eingefallen: Wichtig ist es dann eben nur noch auch klarzustellen wann man den Blog einsetzt und wann eine (Gruppen-)Mail. Aber ich denke das sehen sie nicht anders.
    Ihren Disclaimer darf ich aber noch (albern) ergänzen: Man wird nicht einmal jedes Web 2.0-Unternehmen in Deutschland retten können…😉

  9. […] kann es nicht schnell genug gehen: Alexander Richter schreibt im Neubiberg-Blog über eine IBM Veranstaltung zum Thema Web 2.0 im Unternehmen u.a.: (via frogpond.de) Peter Schütt […]

  10. […] ein Zitat aus dem NeubibergBlog zur deutschen Trägheit im Umfeld Web 2.0 … Peter Schütt (IBM) meinte, dass es ihn […]

  11. Danke für den aufschlussreichen Artikel. Auch wenn seit Veröffentlichung etwas Zeit ins Land gegangen ist, denke ich, dass web2.0-Einsatz in Unternehmen (Enterprise2.0 !?) wohl immer noch sehr vereinzelt stattfindet. Unternehmen wie IBM sind sicher Vorreiter und ihre best practises für andere Unternehmen hilfreich. Einige andere sind sicher auch auf dem Niveau. Die Breite Masse, insbesondere im Mittelstand, wird vermutlich noch eine ganze Weile benötigen bis web2.0-Technologien implementiert und wirklich genutzt werden. Die höhere Herausforderung sehe ich allerdings im Management/ der Führung. Enterprise2.0 zu Leben heißt de facto in weiten Teilen Abschied nehmen von bekannten Management- und Führungspraktiken, wie bspw. starke Aufgabenteilung, Hierarchisierung oder Autorität qua Position. Hier liegen m.E. genauso hohe Potentiale zum Erschließen für die Unternehmen bereit, wie im technischen Web2.0.
    Beste Grüße, Christoph Athanas

  12. Volle Zustimmung zu den letzten Punkten. Ich denke ebenso, dass die Herausforderungen nicht im technischen Bereich liegen, sondern zu großen Teilen im Bereich Management/Kultur.
    Nicht zustimmen kann ich dem Punkt, dass Enterprise 2.0 noch sehr vereinzelt stattfindet. An der Neuauflage unseres Enterprise 2.0-Buches (kommt im Juli; http://www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.1668772.de?_reiter=buch) wird man dann auch sehr schön ersehen können, dass Enterprise 2.0 inzwischen auch in vielen KMU angekommen ist und oftmals bereits richtiggehend gelebt wird.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.
Entries und Kommentare feeds.

%d Bloggern gefällt das: